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Biografie-Theater wird seit 2010 von den ausgebildeten
Schauspielern von FREISTIL gespielt. Die Leitung (Training, Moderation
und Live-Regie) übernimmt dabei Christian M. Schulz, der
dieses Format bereits 2003-2004 in Freiburg gezeigt hat (damals mit
Amateur-Schauspielern, d.h. Teilnehmern der Kurse von Schulz).
Hier die Antworten von Schulz auf die wichtigsten Fragen zum
Biografie-Theater:
Warum Biografie-Theater?
Biografie-Theater ist eine der intensivsten
und berührendsten Formen von Improtheater, die es gibt. Keith
Johnstone (der Erfinder dieses Formats) sagt nicht umsonst, daß die
meisten Impro-Szenen, an die er sich noch erinnern kann, bei Life
Game Aufführungen
entstanden sind, eine Erfahrung, die ich inzwischen teilen kann.
Woher kommt der Gast beim Biografie-Theater?
Der Gast
ist jemand, der sich bereits im Vorfeld der Aufführung bereit
erklärt hat, an diesem Abend zu kommen und aus seinem Leben
zu erzählen. Das heißt er kommt nicht aus
dem Publikum und weiß vorher, auf was er
sich einlässt. Bisher sind alle Gäste (bis auf den
ersten) nach einer Aufführung, bei der sie zugeschaut hatten,
auf mich zugekommen und haben von sich aus angeboten, beim nächsten
Auftritt als Gast wiederzukommen. Das hat den Vorteil, daß sie
den Ablauf schon kennen und wissen, auf was sie sich einlassen.
Welche Informationen hat der Interviewer über den
Gast?
Ich führe mit dem Gast vor der Aufführung schon ein kurzes
Gespräch, bei dem ich nach ein paar Eckdaten fragt. D. h., ich versuche
eine Art Lebenslauf zu erstellen, mit Informationen über den bisherigen
Werdegang. Dadurch habe ich bereits ein grobes Gerüst und kann später
spezifischer nachfragen. Ich frage vorher auch, ob es etwas gibt, was der Gast
gerne später erzählen möchte.
Muß der Gast alle Fragen an ihn beantworten?
Nein, der Gast wird zu Anfang darauf hingewiesen, daß er
jede Frage ablehnen kann, die er nicht beantworten will. Allerdings
ist es mir an den bisherigen Abenden erst ein einziges Mal gelungen,
eine Frage zu stellen, die der Gast nicht beantworten wollte.
Was ist das Ziel bei den Szenen?
Es geht darum, Szenen aus dem
Leben des Gastes zu zeigen, wie sie (aus der Erinnerung des
Gastes) wirklich waren.
Es wird also nichts veralbert, parodiert oder karikiert - im Gegenteil!
Es geht darum die „Wahrheit“ des Gastes zu spielen. Der
Gast wählt dazu als erstes auf der Bühne einen Spieler
aus, der ihn in jeder Szene darstellen wird. Danach befragt der
Moderator den Gast (wie in einer Talkshow) zu seinem Leben, wobei
alles, was er erzählt, in improvisierten Szenen so genau wie
möglich
dargestellt wird.
Mit welcher Szene beginnt die Aufführung?
Wir beginnen in der Regel mit einer typischen Szene beim Essen,
aus der Zeit als der Gast noch ein Kind war. Er wählt vorher
die Spieler aus, die seine Eltern und die anderen am Tisch spielen
(z.B. Geschwister, Onkels, Großeltern usw.) und beschreibt
jede Figur kurz mit drei Adjektiven. Schon der Einblick
in eine typische Essenszene ist sehr interessant, weil man sieht,
wie unterschiedlich jede Familie ist und erstaunt ist, daß es
bei anderen Menschen nicht so war, wie bei einem selber. Oder
man sieht Parallelen zu eigenen Familienmitgliedern oder sich
selber.
Welche Funktion hat die Hupe und die Glocke?
Der Gast bekommt zu Beginn eine Fahrradglocke
und eine Hupe. Sobald die Szene startet, soll er jedes Mal klingeln,
wenn einer der Spieler etwas sagt oder tut was wirklich so gewesen
ist oder hätte sein können. Jedes Mal wenn einer der
Spieler etwas sagt oder tut, was die Person, die er darstellt,
nie gesagt oder getan hätte, hupt der Gast. Dann bietet der
Spieler etwas anderes an oder der Gast
erzählt kurz wie es wirklich war. Diese Möglichkeiten
hat der Gast auch in allen folgenden Szenen.
Das Faszinierende ist, zu erleben, wie der Gast am Anfang einer
Szene einige Male hupt, bis die Spieler sich so weit in ihre Figur
eingefühlt haben, daß sie plötzlich „wissen“ wie
es damals war. Oft gibt es einen Punkt in der Szene, ab dem der
Gast nur noch klingelt: Die Spieler spielen Dinge und sagen Sachen,
die der Gast noch gar nicht erzählt hatte! Gleichzeitig gibt
es immer wieder Situationskomik und es wird zwischendurch viel
gelacht, denn durch die Hupe ist das ganze ja wie ein
Ratespiel, bei dem es jedes Mal witzig ist, wenn ein Spieler falsch
liegt.
Wie unterscheiden sich die Szenen beim Biografie-Theater
von denen beim Theatersport?
Die Art zu spielen unterscheidet sich sehr deutlich
von der beim Theatersport. Während es beim Theatersport
oft um Übertreibung geht, beziehungsweise um starkes, extrovertiertes
Spielen und dort auch viel parodiert wird, müssen die Darsteller
beim Biografie-Theater sehr reduziert und zurückhaltend spielen
(mehr wie die Schauspieler in Kinofilmen, wo schon das Heben einer
Augenbraue in Großaufnahme viel aussagt). Gerade das bewirkt
aber die Faszination: die Szenen wirken teilweise so echt, als
ob es kein Theater wäre. Manchmal hält
das gesamte Publikum den Atem an, weil es so spannend, traurig
oder rührend ist.
Welche Funktion hat
der Live-Regisseur?
Der Live-Regisseur hat die Aufgabe, die Geschichten, die der Gast
erzählt, in Theaterszenen und -bilder zu übersetzen. Dazu gibt
er Anweisungen für
das Bühnenbild und den Szenenaufbau und kann in die Szenen
eingreifen. Er kann Sätze und Handlungen vorgeben, den
Spielern ihre Motive, Ziele oder Gefühle erklären und
winkt an einer geeigneten Stelle das Licht herunter. Er kann aber
auch Szenen "erfinden", d.h. Szenen, die es so
eigentlich nie gab - aber die im Zusammenhang mit der Biografie
des Gastes stehen, z.B. um dessen Wünsche und Träume szenisch umzusetzen.
Was passiert in der Pause der Aufführung?
In der Pause können die Zuschauer Fragen auf Zettel schreiben,
von denen der Gast nach der Pause vier zieht und eine davon beantworten
kann - wenn er will...
Wie geht es nach der Pause weiter?
In der zweiten Hälfte des Abends wird es meist immer persönlicher
und berührender. Es kann sein, daß es um sehr dramatische
und existentielle Szenen geht (Geburt, Trennung, Tod von Angehörigen).
Wie endet die Aufführung?
Am Ende der Aufführung stelle ich jedes Mal die Frage,
wie der Gast gerne selber einmal sterben würde. (Der Tod ist
das eigentliche Tabu in unserer Gesellschaft - nicht etwa Sex oder
Gewalt!) Tatsächlich hatte bisher jeder Gast ein anderes Bild
davon, wie sein Tod aussehen sollte. Und jeder hatte am Ende des
Abends so viel Vertrauen zu uns, daß er bereitwillig, offen
und ohne Scheu darüber sprach.
Aber der Tod ist nicht die
letzte Szene! Es gibt nach dieser sehr anrührenden
Szene immer noch eine weitere Szene, die meist im Himmel
spielt. Auch das ist immer ein sehr packender
Moment. Am Ende bedanken sich alle Spieler beim Gast und wir gehen
gemeinsam ab.
Ist das Leben von ganz normalen Menschen denn interessant
genug?
Es gab bisher keinen „langweiligen“ Gast. Jeder Mensch hat
viele interessante Dinge zu erzählen. Im Laufe des Abends
wird der Gast zu den Stationen seines Lebens befragt: Elternhaus,
Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft und Familie. Es gibt in
jeder Biografie eine Fülle von spannenden und interessanten Szenen. Selbst
eine einfache „Erste
Kuß-Szene" (ernsthaft und realistisch gespielt) wird alle Zuschauer
faszinieren, weil sie mit eigenen Erfahrungen vergleichen können.
Ist das nicht Therapie?
Nein, Biografie-Theater ist (anders als Psychodrama) eindeutig
Theater. Zum einen ist es sehr unterhaltsam und es wird viel gelacht.
Zum anderen geht es nicht darum, irgendjemanden zu "heilen".
Das Format hat zwar (anfangs) Parallelen
mit Hellingers „Familienaufstellungen“, das Ziel
ist aber "nur", gute (d.h. packende und berührende)
Theaterszenen zu improvisieren.
Der
Gast erzählt übrigends auf der
Bühne nichts,
daß er noch nicht für sich bereits verarbeitet hat.
Und es gab bisher noch keinen Gast, der „die
Kontrolle verlor“,
in Tränen ausbrach oder hinterher bereut hat, was er öffentlich
erzählt hat. Im Gegenteil, er freut sich in der Regel am
Interesse an seinem Leben und über die Möglichkeit, sein
eigenes Leben mal von außen als Zuschauer sehen zu können.
Das Publikum macht sich meist mehr Sorgen um den Gast als
dieser nötig
hat.
Ist das nicht Voyeurismus?
Nein, das Format ist nicht voyeuristisch. Jedenfalls nicht
mehr als eine Talkshow bei Johannes B. Kerner oder ein biografischer
Film.
Christian M. Schulz
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